1. Damals wie heute hat jeder Autor Angst davor, dass ihm sein geistiger Erguss in irgendeiner Weise verlustig geht und sich andere mit seinen geistigen Ergüssen bereichern könnten. Heutzutage ist es zumeist das Internet, in dem die Urheberrechte verletzt werden. Sich davor zu schützen ist eine Kunst und oftmals kommt es zum Rechtsstreit.
2. Auch ein Herr namens Henri Decremps hatte schon damals Angst davor, dass räuberische Verleger seine Urheberrechte verletzten könnten. Henri Decremps war Privatlehrer und Jurist. Sein Leben spielte sich in der zweiten Hälfte des 18 Jahrhunderts ab. Im Jahr 1784 erschien sein Werk mit dem Titel: „La Magie Blanche Devolée“. Inhaltlich war es eine Enthüllungsschrift. Das Buch erklärte ausführlich die Tricks und Kunststücke des berühmten Magiers Josef Pinetti. Josef Pinetti war Italiener und betitelte sich mit einem Professor der Mathematik und Physik. Durch seine damals unglaublichen Experimente verursachte er großes Aufsehen im Raum Europa.
3. Henri Decremps Urheberrechtsschutz in eigener Sache entstand aus dem Risiko, welches er mit der Veröffentlichung des Buches eingegangen war. Es hätte damals seinen wirtschaftlichen Ruin bedeutet, wenn „räuberische“ Verleger ihm das Werk hätten geklaut und er dadurch nicht seine erforderliche Stückzahl verkaufen hätte können. Das Risiko seinerseits war so hoch, weil er das Buch im Selbstverlag mit einer Auflage von rund 3000 Exemplaren druckte. Daraufhin musste er eine eigene Technik entwickeln, sich gegen solche Verleger zu schützen und da kam ihm seine einfache wie geniale Idee.
4. Seine Idee war folgende: Auf mehreren Seiten seines Buches beschrieb er einen sensationellen Trick des Magiers Josef Pinetti. Über mehrere Seiten beschrieb er den Ablauf, allerdings nicht, wie der Trick am Ende funktionierte. Dies musste einem als Käufer seines Buches allerdings nicht verborgen bleiben. Der Trick seinerzeit bestand darin, dass er seinen Lesern anbot, die letzte Seite, die mit seiner Unterschrift versehen war, als Gutschein an ihn zurückzusenden. Die letzte Seite seines Buches wurde bei jedem Exemplar signiert und mit einer fortlaufenden Nummer versehen. Anschließend schnitt er davon ein Stück heraus und zwar genau so, dass der Schnitt durch seine Unterschrift verlief. Das abgeschnittene Stück enthielt die selbe Nummer wie das Blatt und diese abgeschnittenen Teile landeten in einen dafür vorgesehenen Zettelkasten, aus dem sie dann wie Puzzleteile immer wieder entnommen werden konnten, wenn ein „Gutschein“ bei ihm eingelöst wurde. Nur so konnte der Leser auch an das letzte Geheimnis des Buches gelangen.
5. Trotz der für damalige Verhältnisse großen Auflage von rund 3000 Exemplaren des Buches „La Magie Blanche Devolée“ ist heute kaum noch eines dieses Werkes zu finden, in dem die Unterschrift des Autors erhalten geblieben ist. Eines ist noch in der Libary of Congress in Washington zu finden. Es stammt aus dem Nachlass des großartigen Entfesslungskünstlers Harry Houdini. Bei privaten Sammlern werden noch rund sechs Exemplare vermutet und vielleicht ist auch auf manchem Flohmarkt das ein oder andere zu finden, viele werden es aber nicht sein.
6. Heutzutage ist ein solches Vorgehen zum Schutz der Urheberrechte nicht mehr möglich. Allein die Stückzahlen die meist verkauft werden liegen weit darüber. Aber dieses Beispiel zeigt, dass auch schon zu damaligen Zeiten Urheberrechte eine wichtige Rolle spielten und der Kreativität zum Schutze dieser keine Grenzen gesetzt waren.
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, online, 06.03.2009